Die Familie Cavalli
Während Generationen gehörte die Collo (oder Alp Chel) wie auch andere Alpen im Onsernonetal der Familie Cavalli. Die Nordalp war jeweils von März bis November bewirtschaftet und Danilo Cavalli, der letzte Zeitzeuge der als Kind regelmässig auf Collo war erzählt:
« Mein älterer Bruder hat von März bis November bei meiner Tante auf Collo verbracht, denn die Tante hatte in der Nacht alleine auf der Alp Angst. Er musste jeweils um 5:00 Uhr aufstehen, den Kühen Wasser bringen und dann ist er zusammen mit Alfredo, der vorne auf Calascio wohnte ins Tal nach Intragna in die Schule gelaufen. An Abend kamen die beiden dann wieder hoch. Das Funnivia nach Costa gab es zum Glück schon. So dauerte der Marsch nur 1,5 Std. Am Abend musste er wieder den Tieren Wasser und der Tante für das Feuer im Kamin Holz bringen. Oft hatte er auch viel Gepäck, Nahrungsmittel und so aus dem Tal auf die Alp zu tragen…. »
(Danilo Cavalli, 2012)
Als die Nordalp nicht mehr rentiert, verkauft die Familie Cavalli die Alp an Mascha Oettli.
Marie-Louise (Mascha) Oettli (1908–1997)
Geb. am 11. Juni 1908 als Tochter von Max und Natalie Oettli-Kirpitschnikowa. Ihre Kindheit verbrachte Mascha Oettli in Glarisegg bei Steckborn am Untersee. Im Frühling 1921 siedelte die Familie Oettli nach Vers-chez-les-Blanc bei Lausanne um. Mascha besuchte in Lausanne das Mädchen-Gymnasium. Sie interessierte sich für die aktuelle Politik und wurde Mitglied der Mittelschüler-Bewegung, wo sie die später sehr bekannt gewordenen Sozialdemokraten Eugen Steinemann und Ruedi Schümperli (Escherbund) kennen lernte.
Nach der Matur begann Mascha Oettli ein Studium der Medizin und der Naturwissenschaften. Dann hörte sie von der deutschen Schule «Walkemühle» in Melsungen (Hessen), an der Minna Specht und Leonard Nelson wirkten. Die volkswirtschaftlichen Lehrinhalte interessierten Mascha Oettli, und sie verpflichtete sich bei der «Walkemühle» für drei Jahre und war Mitglied des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes. An der Landwirtschaftlichen Hochschule in Bonn schloss sie als Diplomlandwirtin mit der Arbeit «Verschuldung der schweizerischen Landwirtschaft» ab. Wegen Widerstandsarbeit gegen den Nationalsozialismus denunziert, kehrte sie in die Schweiz zurück.
Hier kaufte sie im Tessin diverse Rustici, unter anderem auch Chel von der Familie Cavalli. Als Diplomlandwirtin lag ihr daran, ein Stück Landwirtschaftskultur im Tessin zu erhalten. Die Häusergruppe Al Forno diente während und nach dem Krieg als geschützter Aufenthaltsort für politische Flüchtlinge aus Deutschland. Betreut von der Pionierin der politischen Bildungs- und Frauenbewegung, Mascha Oettli, ist Al Forno nach dem zweiten Weltkrieg immer mehr zu einem offenen Ferienort geworden.
Mascha arbeitete im VPOD, für den VHTL und für den Schweizerischen Landfrauen-Verband. 1952 wurde Mascha Oettli Zentralsekretärin der SPS.

Arthur Wyss
1986 lernte Mascha Oettli anlässlich der Zirkus Halley-Aktion in Hinterkappelen Arthur Wyss kennen. Angesichts ihres hohen Alters war sie nicht mehr in der Lage Chel, die letzte Alp die sie noch behalten hat, weiter zu unterhalten. Sie vertraute die Pflege Arthur Wyss an.
Nach Maschas Tod 1997 machte Arthur Wyss von seinem Vorkaufsrecht für Chel Gebrauch und erwarb die Alp im Februar 2003 von den Erben. Weiterhin soll die Pflege von Chel im Sinne Maschas weitergeführt werden. Das heisst: die Bauten sanft unterhalten und renovieren, um sie vor dem Zerfall zu schützen. Und ganz insbesondere die Wiese jährlich mähen und regelmässig holzen, um der rasant fortschreitenden Verwaldung und Vergandung Einhalt zu gebieten. Naturbegeisterte Menschen sollen auf Collo einen Rückzugsort finden.
Der Verein «Amici Alpe Collo»
Seit 1986 ist die Alp Chel/Collo mit dem Namen Arthur Wyss verbunden. Er führte die Aufgabe, die er von Mascha übernommen hatte, mit grossem Einsatz und viel Energie weiter.
Alpe Collo ist kein Ort des Komforts. Das Wasser kommt aus dem Bach und der Stom von der Sonne. Gerade diese Einfachheit macht ihren Wert aus. Die Bauten wurden über Jahrzehnte sorgfältig und zurückhaltend unterhalten, um sie vor dem Zerfall zu bewahren. Die Wiesen werden jährlich gemäht, Holz wird geschlagen, Wege freigehalten - damit die Alp nicht verwaldet und nicht der Vergandung überlassen wird.
Mit den Jahren ist die Arbeit nicht kleiner geworden. Nach Arthurs Tod im 2025 wird die Verantwortung auf mehrere Schultern verteilt. Der Verein «Amici Alpe Collo» wurde gegründet, um die Pflege und den Erhalt von Chel langfristig zu sichern. Der Verein führt die Arbeit im Geiste von Mascha Oettli und Arthur Wyss weiter: Achtsam, naturnah, selbsterhaltend und adaptionsfähig.
Der Verein versteht sich als Gemeinschaft von Menschen, die bereit sind, mitzuarbeiten – mit Sense, Säge, Zeit und Herz. Ziel ist es, die Alp als einfachen Rückzugsort zu erhalten: für stille Tage, für gemeinsames Arbeiten, für Ferien, in denen Naturerfahrung und Verantwortung zusammengehören.
Chel soll bleiben, was sie ist: eine lebendige Alp. Gepflegt, nicht perfektioniert. Geschützt, nicht erschlossen. Und getragen von Menschen, die sie lieben.
Forschung auf Collo
Die Alpen im Tessin verganden immer mehr. Bald sind die meisten Höhenlagen nur noch von Wald überzogen. Dies hat Konsequenzen nicht nur für den Menschen, sondern auch auf Flora, Fauna und Erosion: Die Biodiversität nimmt ab, Blumen, Schmetterlinge, Futter für das Wild wird weniger, im Jungwald nimmt die Erosion zu. Seit den 90er Jahren stellen wir Collo Forschern der Universitäten Bern und Potsdam zur Verfügung, die zu diesen Themen forschen. Abstract: Land use effects on surface runoff and soil erosion in a southern Alpine valley
Filmdokumente:
- Filmbeitrag über das wilde Onsernonetal von Doris Metz, 2013. (nicht mehr verfügbar)
- RTS/3sat: Wildes Tessin, Valle Onsernone - Una valle segreta
- Coopzeitung: Wandern im Onsernonetal
- RSI: Valle Onsernone 1962 (it)
